Ausgrabung eines Infanterieunterstandes

Am 21. April 1998 wurde unter der Leitung des Vereins für die Geschichte Küstrins, in der Nähe von Tamsel, ein Infanterieunterstand ausgegraben, der in den Protokollen der Interallierten Millitärmission erwähnt wurde.
Das Vereinsmitglied Herbert Schenke hat dazu einen Aufsatz veröffentlicht, der hier - leicht gekürzt- wiedergeben wird.
Fotos: Herbert Schenke

An einer wenig befahrenen Straße zwischen Tamsel (Dabroszyn) und Wilkersdorf (Kresnicska) liegt das Mühlenfünftel (Mlyniska).
Die Siedlung besteht aus wenigen Gehöften, weiten Feldern und kleineren Waldstücken. Große Neugier bei Einwohnern und Durchreisenden erweckte am Vormittag des 21.04.1998 eine größere Personengruppe, die etwa 2Meter neben der Straße, mitten auf einem Feldhügel, Erdarbeiten vornahm. zuerst mit dem Spaten und später mit einem Bagger wurde ein großes Betonwerk ausgegraben. Bei der polnischen Bevölkerung wurde das Bauwerk als Hauptquartier von Friedrich den Großen während der Schöacht bei Zorndorf oder auch als letzer Unterschlupf von Hitler gehandelt. Was war mit dem Bauwerk aber wirklich und warum wurde es jetzt ausgegraben?
Etwa um 1900 fiel dem Militar auf, daß die Räume zwischen den Fort den Forts relativ ungeschützt waren. Sogenannte Zwischenfeldbauten wurden geplant und etwa 1913 - 1915 als Beton und Ziegelbauwerke ausgeführt. Es gab sie in verschiedenen Bauformen und Größen. Als Infanterieunterstände konnten die größten eine preussische Infanteriekompanie mit 150 Mann beherbergen und vor feindlichen Beschuß schützen. Die Interalliierte Militärmission unter französicher Führung hatte nach 1918 die Aufgabe, die Abrüstung Deutschlands zu kontrollieren. Zur Abrüstung gehört auch, daß miltärische Bauwerke unbrauchbar gemacht wurden. Die Bunker gehörten wohl dazu. Sie wurden nicht abgerissen, sondern übererdet. Die meisten der um Küstrin gelegenen waren in französichen Plänen verzeichnet. Einige aber nicht. Man kann nur vermuten, daß sie vor dem ehemaligen Feind versteckt wurden. Archivunterlagen fehlen völlig.
Die Aktion am 21.04.1998 fand bei herrlichem Wetter statt. Vor immer mehr Zuschauern wurde ein teil der Rückwand freigelegt. Die Fenster- und Türöffnungen waren so vermauert und abgeputzt, daß irrtümlich zuerst ein Fenster mit Hammer und Meißel geöffnet wurde. Heiner Schenk aus Alttucheband durfte dafür als Erster hineinkriechen. Nach 80 jahren betraten wieder Menschen den Innenraum. Es war ein eigenartigen Gefühl.
Wie sah es nun innen aus? Wie erwartet, waren die Gewölbe noch mit verzinkten Wellblech ausgekleidet. Alles war leer mit Ausnahme einiger Kleinigkeiten. Uns diese waren das Schönste. Eine Bewerkung des Autors zu einem Reisigbesen, der die 80 Jahre wohl wegen des Sauerstoffmangels überstanden hatte, nutzte ein anwesender polnischer Reporter als Aufmacher seines Artikels am folgenden Tag:
"Typisch deutsche Ordnung: Bevor sie den Bunker zumauerten, mußten sie noch fegen". In einer Ecke lagen Überreste einer Zeitung vom März 1918. Jemand hatte sie als Toilettenpapier benutzt. Eine kleine Holsbank diente wohl den Wachsoldaten. So ausgeruht verzierten sie die Ziegelwände mit "Graffitis". Viel war schon unleserlich, aber einiges noch deutlich zu erkennen. Unter anderen "letzte Wache", Weihnachten 1915" und die Namen Friedrich, Rudolf Müller, Bobozynski. Über letzteren freuten sich besonders die polnischen Journalisten.

Ausgegrabung des Unterstands Geöffneter Zugang
Erhaltene Sitzbank Reste einer Ofenkonstruktion
Grafitti von 1916 Grafitti eines Wachsoldaten aus Berlin
Reste der Elektroinstallation Reste eines Morsegeräts

Inzwischen ist auch dieser Bau Opfer von sinnlosen Vandalismus und Müllentsorgung geworden. Schrottdiebe hatten versucht die Blechverschalung abzubauen, scheiterten jedoch an den zu engen Türecken. So blieben die Blechelemente einfach liegen. Resigniert mußten die Mitglieder des Küstriner Geschichtsvereins feststellen, daß es offensichlich ein Fehler war, diesen Infanterieunterstand auszugraben und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Weitere Ausgrabungen werden daher nicht erfolgen. 2011 wurde der Unterstand vom Grundstückeigentümer übererdet, nachdem auch in weiteren Kasematten die Blechverschalungen abgebaut wurden.

Ausgegrabener Zugang des Unterstands Kondenswasser lässt die Zinkbleche weiter oxidieren
Verbindungskorridor von der Eingangsseite Gewölbestruktur vom Korridor aus gesehen
Verbindungskorridor in Richtung Ausgang Zerstörungungen durch Schrottsammler
Zustand Sommer 2007

Gewölbestruktur mit Ausgang für Mannschaften - im Hintergrund bereits entwendete Eisen- halterungen der Fensterverschlüsse

Detailaufnahme der Well- blechkonstruktion